Kurze Anleitung zum Flirten auf 200.000 Seiten

Veröffentlicht auf von open 4 life

Manchmal erscheinen die Dinge des Lebens für einen kurzen Moment lang sehr simpel: Ein unendlicher Abend an einem Wochenende in irgendeinem Club in irgendeiner Stadt. Genau die richtige Musik und die Freunde um einen herum. Tanzen. Lachen. Etwas trinken. Lachen. Tanzen. Endlos. Immer wieder aufs neue legt der DJ die exakt richtige Platte für diesen Moment auf und man fragt sich, wieviele Lieblingslieder man eigentlich noch hat, es müssen ja an die 100 sein. Tanzen. Lachen. Bewegen. Ruhe wiederfinden, erholen, weiter tanzen. Weiter lachen. Der Schweiß tropft von der Decke und man findet es okay. Die Freunde sind albern, auch das ist okay. Alles. Okay. Könnte von nun an auf ewig so weiter gehen. Nur grad mal ein Bier oder eine Limo holen an der Theke. Dabei kurz die Entscheidung bereuen, denn auch das nächste Lied, das sich der DJ für die ihm zu Füßen liegende Masse wabernder Körper ausgedacht hat, war erneut perfekt. Und jetzt aber schon angestellt an die Schlange, egal. Atem holen, Kleingeld aus Taschen wühlen, Hemd zurück in die Hose. Regeneration für den Moment, den perfekten Moment, der aneinandergereiht in einer Endlosschleife den ganzen Abend auszufüllen scheint.

Dann irgendwann ein rein zufälliger Blick nach rechts. Nach links geht auch, aber nehmen wir einfach rechts. Nur so. Durch Stroboskop — Gewitter und Nebelschwaden plötzlich und zunächst undeutlich eine anmutige Person, die aber langsam näher kommt. Auf einen zukommt. Und als ob die Stroboskop — Blitze echt wären und einen genau ins Herz getroffen hätten, ist man plötzlich wie versteinert. Plötzlich verstummt die Musik, die Uhren scheinen langsamer zu gehen, alle bewegen sich bloß noch in Zeitlupe. Jetzt steht die Person genau hinter einem, man selbst ist ihr halb zugewandt, hat den Mund vielleicht halb geöffnet, und kennt nun die Antwort auf die Frage, warum man solange keinen Partner hatte: Die Antwort, sie steht hinter einem und wartet. Bereit. Für alles, so scheint es zumindest.

Und plötzlich entscheidet sich das Gehirn gegen einen und lässt den Mund austrocknen, die Hände zittern, die Beine schlackern. Bloß weg, weg von dieser Offenbarung, will es einem vermitteln. In einem Kraftakt reißt man sich zusammen und bleibt an Ort und Stelle, lächelt vielleicht etwas schief.
Weggehen hieße Kapitulation, hieße, diese wunderbare Person wahrscheinlich niemals wieder zu treffen und niemals kennen lernen zu dürfen. Desaströs wäre das und ganz und gar unperfekt.

Doch was zum Teufel macht und sagt man in so einer Situation? "Hallo! Stehst Du hier auch an?" ja wohl sicherlich nicht. Aber was denn sonst? Erst gestern hatte man doch beim Warten auf den Bus am Kiosk in einer der zahllosen lifestyle — Zeitschriften geblättert und sich die Fünf kurzen Tipps für den ExpressFlirt zwischendurch durchgelesen. Und so schnell wie ein Espresso getrunken ist, waren die Tipps auch schon wieder vergessen.

Vielleicht liegt hier aber genau das Problem: Die inflationäre Verbreitung von schnell dahingeschriebenen Flirttipps hilft keinem. Wahrscheinlich bewirkt sie sogar bloß das genaue Gegenteil. Wer mal bei Google nach dem Begriff Flirttipps sucht, erhält etwa 200.000 Treffer. Glückwunsch: Bereits nach den ersten zehn Seiten wird die eigene Unsicherheit so enorm gewachsen sein, dass man es ganz bleiben lassen möchte. Auch die Magazine sind voll von angeblich todsicheren Ratschlägen, die auf jeden Fall funktionieren würden 
und sicher ist hier lediglich tatsächlich der Tod. Denn alle Ratschläge befolgen zu wollen, dauerte ein 
Lebensalter lang, zu gegensätzlich und zu widersprüchlich sind die Anregungen oft. 

Weniger ist also wieder einmal mehr. Nicht alle Tipps treffen auf alle zu. Manche treffen auf manche zu. So ist das nun mal. Wichtiger als die maximale Anzahl an Ratschlägen zu kennen ist doch, sich selbst zu kennen. Seine Stärken einschätzen zu können und auch die Schwächen hinzunehmen. Sich über die eigene Unsicherheit Klarheit zu verschaffen, wird diese verringern. Ein Ratschlag macht nur Sinn, wenn er die größeren Lebensumstände mit  einbezieht. Jemandem zu raten, er solle sich ein neues Auto kaufen, wenn er andauernd über technische Mängel an diesem jammert, ist eher Zynismus als Ratschlag, falls die betreffende Person eben über die Mängel klagt, weil sie kein Geld für die Reparatur des Autos besitzt. Ganzheitlichkeit ist doch mal wieder das Zauberwort.

Was alles auf keinen Fall heißen soll, es gäbe nicht doch ein paar Grundregeln beim Flirten zu beachten. Die aller erste heißt insofern dann aber auch: Man kann eine Lebenskunst wie das Flirten nicht zwischen zwei Schlücken Espresso erlernen.
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