Eifersucht kommt wohl auch in den "besten Kreisen" vor ...
Was man dieser Tage wirklich hervorragend tun kann ist Lesen. Z. B. im Park, unter einem schattenspendenden Baum, den ganzen Nachmittag lang. Alles um einen herum schaltet einen Gang runter, alles geht langsamer als sonst, fließt träge dahin; die Hitze betäubt die Menschen etwas, beruhigt und entspannt sie. Man darf für eine gewisse Zeit lang mal die gewohnte Hektik vergessen und manchmal wünsche ich mir, in einem südlicheren Breitengrad zu leben, weil es dort Gang und Gäbe sein soll, dass um die Mittagszeit immer Siesta gehalten wird. Ist mir äußerst sympathisch diese Einrichtung.
An den Baum gelehnt, das Buch aufgeschlagen auf den Knien, kann man so gut abtauchen, eintauchen in andere Gegenden, andere Zeiten, sich in andere Menschen hineindenken, mitfühlen, mitleiden, mitfreuen. Um einen herum nur Wärme und das Zwitschern der Vögel. Und das Buch. Mit seiner Geschichte.
Nichts tun.
Nur Lesen.
Klingt ja fast nach Meditation ...
Heute habe ich leider nicht mehr so viel Zeit fürs Lesen. Wirklich schade.
Aber zumindest hab ich, als ich noch Zeit hatte, eines dieser Bücher gelesen, die ich immer lesen wollte, eines der Bücher, die einen auf seltsame Art und Weise fesseln und man weiß eigentlich gar nicht genau, warum denn nun. Man kennt ja schließlich den Inhalt noch gar nicht. Und überhaupt.
Und doch weiß man, irgendwann liest man es, irgendwann ...
In meinem Fall war dieses EINE Buch das Werk Marcel Prousts. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, so der Titel.
Und was für ein Titel ...
Und was für ein Buch ...
Jahrelang habe ich immer mal wieder daran gedacht, es wieder vergessen und erneut daran gedacht. Immer mit der süßesten Vorfreude überhaupt.
Und irgendwann habe ich es gekauft.
Und es wäre nicht gelogen wenn ich sagte, die Suche nach der verlorenen Zeit war das beste Buch, das ich je gelesen habe. Oft im Park, unter einem schattenspendenden Baum, den ganzen Nachmittag lang. Zwei Jahre.
Aber ... so wichtig ist das ja jetzt auch nicht. Worauf ich bloß hinauswill ist, Marcel Proust hat mit diesem Werk nicht nur der Malerei, der Musik, der Kunst überhaupt, der Sprache, seiner Zeit und der mit ihr untergehenden, alten französischen Aristokratie ein unglaublich beeindruckendes Denkmal gesetzt, sondern er hat eben auch viel an Eifersucht gelitten. Und selbstverständlich viel darüber geschrieben.
Proust und kurz, das kann man sich gleich mal abschminken. 4200 Seiten lang vollendet veredelte Sprache, zumindest in meiner Ausgabe (vollendet veredelt, war das nicht aus so einer Kaffeewerbung in den 90ern?).
Egal.
Eine Stelle aus der verlorenen Zeit hat es mir in puncto Eifersucht besonders angetan:
(...) Man hörte, wie die Eingangstür wieder geschlossen wurde, und dann ein Räderrollen, als führe jemand ab - der Jemand sicherlich, dem Swann nicht begegnen durfte - nachdem man ihm gesagt, Odette sei nicht zu Hause. Da hatte Swann bei dem Gedanken, daß er durch sein bloßes Kommen zu einer Stunde, zu der er gewöhnlich nicht erschien, offenbar eine Menge Dinge in Verwirrung gebracht, von denen er nichts wissen sollte, ein Gefühl der Mutlosigkeit, fast der Trostlosigkeit. Aber da er Odette liebte und die Gewohnheit hatte, alle seine Gedanken immer auf sie zu richten, empfand er auf einmal das Mitleid, das er mit sich selbst hätte haben können, nur für sie und murmelte: "Arme Kleine!" Als er schließlich ging, ergriff sie mehrere Briefe, die auf ihrem Schreibtisch lagen, und fragte ihn, ob er sie zur Post geben könne. Er nahm sie, und als er zu Hause ankam, merkte er, daß er sie immer noch bei sich trug. Er ging damit zur Post, zog sie aus der Tasche und schaute, bevor er sie in den Kasten warf, die Adressen an. Sie waren alle für Lieferanten bestimmt bis auf einen, der an Forcheville gerichtet war. Er hielt ihn in der Hand, dann sagte er sich: "Wenn ich sehen könnte, was darin steht, wüßte ich, wie sie ihn anredet, wie sie mit ihm spricht, ob etwas zwischen ihnen besteht. Vielleicht ist es geradezu ein Vergehen Odette gegenüber, wenn ich ihn nicht ansehe, denn dies ist die einzige Art, mich von einem Verdacht zu befreien, mit dem ich ihr vielleicht Unrecht tue, der auf alle Fälle aber geeignet ist, ihr weh zu tun, und den ich auf keine Weise loswerden kann, wenn der Brief erst im Kasten ist."
Er ging von der Post aus unmittelbar nach Hause, trug den Brief aber bei sich. Er zündete eine Kerze an und hielt den Umschlag davor, denn zu öffnen wagte er ihn nicht. Zuerst konnte er nichts lesen, aber das Papier war dünn, und wenn er es ganz fest auf der harten Karte aufliegen ließ, die sich darin befand, konnte er die letzten Worte, eine sehr kühle Schlußformel, erkennen. Hätte, anstatt daß er einen an Forcheville gerichteten Brief las, dieser einen für Swann bestimmten in die Hände bekommen, würde er dort weit zärtlichere Worte gefunden haben. Er faßte jetzt die Karte, die in dem etwas zu großen Briefumschlag hin- und herrutschte, ganz fest und rückte dann nacheinander die Zeilen unter den Teil, wo das Papier nicht doppelt lag und unter dem einzig er die Schrift erkennen konnte.
Dennoch bekam er nicht alles heraus. Es machte aber eigentlich nichts, denn er hatte genug gesehen, um sich klar darüber zu sein, daß es sich um eine ganz belanglose kleine Sache handelte, die mit Liebesbeziehungen nichts zu tun haben konnte; es stand irgend etwas darin, was sich auf einen Onkel Odettes bezog. Swann hatte zwar am Anfang die Worte: "Ich habe Recht gehabt" gelesen, aber verstand nicht, womit Odette Recht gehabt haben wollte, als auf einmal ein Wort, das er zunächst nicht hatte erkennen können, deutlich wurde und den Sinn der ganzen Sache erhellte: "Ich habe Recht gehabt, die Tür zu öffnen, es war mein Onkel." Die Tür zu öffnen! Dann war Forcheville also da, als Swann läutete und sie ihn hatte gehen lassen, daher auch das Geräusch, das er zu hören meinte.
Darauf las er den ganzen Brief; zum Schluß entschuldigte sie sich, ihn so formlos behandelt zu haben, und sagte ihm, er habe bei ihr seine Zigaretten liegen lassen; es war der gleiche Satz, den sie an Swann nach einem der ersten Male geschrieben hatte, wo er zu ihr gekommen war. Aber für Swann hatte sie damals noch hinzugesetzt: "Hätten Sie doch ihr Herz dagelassen, ich hätte Ihnen nicht erlaubt, es sich wiederzuholen." Nichts dergleichen für Forcheville, überhaupt keine Anspielung, die auf irgendetwas zwischen ihnen Bestehendes hingedeutet hätte. In Wahrheit war ja auch Forcheville in diesem Fall der Betrogenere, da Odette ihm schrieb, um ihn glauben zu machen, der Besucher sei ihr Onkel gewesen. Schließlich war er es gewesen, Swann, der Mann, der ihr wichtig war und um dessentwillen sie den anderen aus dem Haus schickte. Und doch, wenn nichts zwischen Odette und Forcheville war, warum hatte sie dann nicht gleich aufgemacht, und warum sagte sie: "Ich habe Recht gehabt, die Tür zu öffnen, es war mein Onkel"; wenn sie im Augenblick nichts Unrechtes tat, wie hätte Forcheville selbst sich erklären sollen, daß sie überhaupt die Tür nicht hätte öffnen können? Trauernd, verwirrt und doch glücklich saß Swann mit seinem Brief, den Odette ihm unbesorgt mitgegeben hatte, ein so unbedingtes Vertrauen setzte sie in seine Diskretion; aber hinter diesem glasklaren Vertrauen zeigte sich ihm mit dem Geheimnis eines Vorgangs, hinter den er niemals zu kommen glaubte, ein wenig von dem Leben Odettes wie in einem kleinen erhellten Ausschnitt mitten im Unbekannten. Seine Eifersucht weidete sich daran, ganz als habe sie ein Eigenleben, das sich begeierig auf alles stürzte, wovon sie sich nähren konnte, und wäre es auf Kosten seiner Lebenskraft. Jetzt hatte sie Nahrung bekommen, und Swann würde nun anfangen, sich jeden Tag wegen der Besuche zu beunruhigen, die Odette um fünf Uhr erhielt; er würde zu erkunden versuchen, wo Forcheville sich zu jener Stunde aufgehalten hatte. Denn Swanns Zärtlichkeit behielt unablässig ihren gleichen Charakter bei, den ihr schon zu Anfang die Unwissenheit darüber, wie Odette ihre Tage verbrachte, zusammen mit jener Trägheit des Denkens gegeben hatte, die ihn hinderte, dem Nichtwissen durch Phantasie etwas zu Hilfe zu kommen. Er war zunächst auf Odettes Leben in seiner Gesamtheit nicht eifersüchtig, sondern einzig auf die Momente, in denen — wie er vielleicht aufgrund eines falsch interpretierten Umstandes vermutete — Odette ihn betrügen könnte. Wie ein Polyp, der erst den einen, dann einen zweiten und dritten Fangarm ausstreckt, heftete sich seine Eifersucht zunächst an diese Fünfuhrstunde und dann allmählich auch an andere Zeiten. Doch Swann erfand sich seine Leiden nicht selbst. Sie waren nur die Erinnerung, die Fortsetzung eines Leidens, das ihm von außen her zugefügt war.
Dort wurde es ihm nun aber auch auf allen Seiten zuteil. Er wollte Odette von Forcheville lösen, ein paar Tage an die Riviera fahren. Aber er glaubte, daß alle Männer im Hotel ihr nachstellten und sie selbst ihre Gesellschaft suchte. So sah man ausgerechnet ihn, der auf Reisen stets die Bekannstscahft neuer Leute und gesellige Treffpunkte gesucht hatte, menschenscheu die Gesellschaft fliehen, als habe sie ihn tödlich verletzt. Wie hätte er auch nicht zum Misanthropen werden sollen, wo er doch in jedem Mann einen Eventualliebhaber von Odette sehen mußte? So kam es, daß Swanns Eifersucht — noch mehr als vordem seine beglückte, heitere Neigung für Odette — seinen Charakter verwandelte und von Grund auf auch für die Augen der anderen das äußere Bild seines Wesens veränderte. (...)
(aus: Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Erster Band: In Swanns Welt/Im Schatten junger Mädchenblüte; S. 372 ff.)
Ach ja. Nur ein klitzekleiner Ausschnitt aus Prousts Universum, ein weißer Zwergstern sozusagen. Aber doch recht aussagekräftig, was das unterminierende Wesen der Eifersucht angeht. Sie ist der Zweifel in Person. Und sie hat immer das letzte Wort ...
Und hier ist jetzt Schluß - mit der Geduld des Lesers ist ja wahrscheinlich schon länger Schluß ...;)
Falls nicht, zu Proust habe ich ein interessantes Blog gefunden: www.proust.twoday.net
An den Baum gelehnt, das Buch aufgeschlagen auf den Knien, kann man so gut abtauchen, eintauchen in andere Gegenden, andere Zeiten, sich in andere Menschen hineindenken, mitfühlen, mitleiden, mitfreuen. Um einen herum nur Wärme und das Zwitschern der Vögel. Und das Buch. Mit seiner Geschichte.
Nichts tun.
Nur Lesen.
Klingt ja fast nach Meditation ...
Heute habe ich leider nicht mehr so viel Zeit fürs Lesen. Wirklich schade.
Aber zumindest hab ich, als ich noch Zeit hatte, eines dieser Bücher gelesen, die ich immer lesen wollte, eines der Bücher, die einen auf seltsame Art und Weise fesseln und man weiß eigentlich gar nicht genau, warum denn nun. Man kennt ja schließlich den Inhalt noch gar nicht. Und überhaupt.
Und doch weiß man, irgendwann liest man es, irgendwann ...
In meinem Fall war dieses EINE Buch das Werk Marcel Prousts. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, so der Titel.
Und was für ein Titel ...
Und was für ein Buch ...
Jahrelang habe ich immer mal wieder daran gedacht, es wieder vergessen und erneut daran gedacht. Immer mit der süßesten Vorfreude überhaupt.
Und irgendwann habe ich es gekauft.
Und es wäre nicht gelogen wenn ich sagte, die Suche nach der verlorenen Zeit war das beste Buch, das ich je gelesen habe. Oft im Park, unter einem schattenspendenden Baum, den ganzen Nachmittag lang. Zwei Jahre.
Aber ... so wichtig ist das ja jetzt auch nicht. Worauf ich bloß hinauswill ist, Marcel Proust hat mit diesem Werk nicht nur der Malerei, der Musik, der Kunst überhaupt, der Sprache, seiner Zeit und der mit ihr untergehenden, alten französischen Aristokratie ein unglaublich beeindruckendes Denkmal gesetzt, sondern er hat eben auch viel an Eifersucht gelitten. Und selbstverständlich viel darüber geschrieben.
Proust und kurz, das kann man sich gleich mal abschminken. 4200 Seiten lang vollendet veredelte Sprache, zumindest in meiner Ausgabe (vollendet veredelt, war das nicht aus so einer Kaffeewerbung in den 90ern?).
Egal.
Eine Stelle aus der verlorenen Zeit hat es mir in puncto Eifersucht besonders angetan:
(...) Man hörte, wie die Eingangstür wieder geschlossen wurde, und dann ein Räderrollen, als führe jemand ab - der Jemand sicherlich, dem Swann nicht begegnen durfte - nachdem man ihm gesagt, Odette sei nicht zu Hause. Da hatte Swann bei dem Gedanken, daß er durch sein bloßes Kommen zu einer Stunde, zu der er gewöhnlich nicht erschien, offenbar eine Menge Dinge in Verwirrung gebracht, von denen er nichts wissen sollte, ein Gefühl der Mutlosigkeit, fast der Trostlosigkeit. Aber da er Odette liebte und die Gewohnheit hatte, alle seine Gedanken immer auf sie zu richten, empfand er auf einmal das Mitleid, das er mit sich selbst hätte haben können, nur für sie und murmelte: "Arme Kleine!" Als er schließlich ging, ergriff sie mehrere Briefe, die auf ihrem Schreibtisch lagen, und fragte ihn, ob er sie zur Post geben könne. Er nahm sie, und als er zu Hause ankam, merkte er, daß er sie immer noch bei sich trug. Er ging damit zur Post, zog sie aus der Tasche und schaute, bevor er sie in den Kasten warf, die Adressen an. Sie waren alle für Lieferanten bestimmt bis auf einen, der an Forcheville gerichtet war. Er hielt ihn in der Hand, dann sagte er sich: "Wenn ich sehen könnte, was darin steht, wüßte ich, wie sie ihn anredet, wie sie mit ihm spricht, ob etwas zwischen ihnen besteht. Vielleicht ist es geradezu ein Vergehen Odette gegenüber, wenn ich ihn nicht ansehe, denn dies ist die einzige Art, mich von einem Verdacht zu befreien, mit dem ich ihr vielleicht Unrecht tue, der auf alle Fälle aber geeignet ist, ihr weh zu tun, und den ich auf keine Weise loswerden kann, wenn der Brief erst im Kasten ist."
Er ging von der Post aus unmittelbar nach Hause, trug den Brief aber bei sich. Er zündete eine Kerze an und hielt den Umschlag davor, denn zu öffnen wagte er ihn nicht. Zuerst konnte er nichts lesen, aber das Papier war dünn, und wenn er es ganz fest auf der harten Karte aufliegen ließ, die sich darin befand, konnte er die letzten Worte, eine sehr kühle Schlußformel, erkennen. Hätte, anstatt daß er einen an Forcheville gerichteten Brief las, dieser einen für Swann bestimmten in die Hände bekommen, würde er dort weit zärtlichere Worte gefunden haben. Er faßte jetzt die Karte, die in dem etwas zu großen Briefumschlag hin- und herrutschte, ganz fest und rückte dann nacheinander die Zeilen unter den Teil, wo das Papier nicht doppelt lag und unter dem einzig er die Schrift erkennen konnte.
Dennoch bekam er nicht alles heraus. Es machte aber eigentlich nichts, denn er hatte genug gesehen, um sich klar darüber zu sein, daß es sich um eine ganz belanglose kleine Sache handelte, die mit Liebesbeziehungen nichts zu tun haben konnte; es stand irgend etwas darin, was sich auf einen Onkel Odettes bezog. Swann hatte zwar am Anfang die Worte: "Ich habe Recht gehabt" gelesen, aber verstand nicht, womit Odette Recht gehabt haben wollte, als auf einmal ein Wort, das er zunächst nicht hatte erkennen können, deutlich wurde und den Sinn der ganzen Sache erhellte: "Ich habe Recht gehabt, die Tür zu öffnen, es war mein Onkel." Die Tür zu öffnen! Dann war Forcheville also da, als Swann läutete und sie ihn hatte gehen lassen, daher auch das Geräusch, das er zu hören meinte.
Darauf las er den ganzen Brief; zum Schluß entschuldigte sie sich, ihn so formlos behandelt zu haben, und sagte ihm, er habe bei ihr seine Zigaretten liegen lassen; es war der gleiche Satz, den sie an Swann nach einem der ersten Male geschrieben hatte, wo er zu ihr gekommen war. Aber für Swann hatte sie damals noch hinzugesetzt: "Hätten Sie doch ihr Herz dagelassen, ich hätte Ihnen nicht erlaubt, es sich wiederzuholen." Nichts dergleichen für Forcheville, überhaupt keine Anspielung, die auf irgendetwas zwischen ihnen Bestehendes hingedeutet hätte. In Wahrheit war ja auch Forcheville in diesem Fall der Betrogenere, da Odette ihm schrieb, um ihn glauben zu machen, der Besucher sei ihr Onkel gewesen. Schließlich war er es gewesen, Swann, der Mann, der ihr wichtig war und um dessentwillen sie den anderen aus dem Haus schickte. Und doch, wenn nichts zwischen Odette und Forcheville war, warum hatte sie dann nicht gleich aufgemacht, und warum sagte sie: "Ich habe Recht gehabt, die Tür zu öffnen, es war mein Onkel"; wenn sie im Augenblick nichts Unrechtes tat, wie hätte Forcheville selbst sich erklären sollen, daß sie überhaupt die Tür nicht hätte öffnen können? Trauernd, verwirrt und doch glücklich saß Swann mit seinem Brief, den Odette ihm unbesorgt mitgegeben hatte, ein so unbedingtes Vertrauen setzte sie in seine Diskretion; aber hinter diesem glasklaren Vertrauen zeigte sich ihm mit dem Geheimnis eines Vorgangs, hinter den er niemals zu kommen glaubte, ein wenig von dem Leben Odettes wie in einem kleinen erhellten Ausschnitt mitten im Unbekannten. Seine Eifersucht weidete sich daran, ganz als habe sie ein Eigenleben, das sich begeierig auf alles stürzte, wovon sie sich nähren konnte, und wäre es auf Kosten seiner Lebenskraft. Jetzt hatte sie Nahrung bekommen, und Swann würde nun anfangen, sich jeden Tag wegen der Besuche zu beunruhigen, die Odette um fünf Uhr erhielt; er würde zu erkunden versuchen, wo Forcheville sich zu jener Stunde aufgehalten hatte. Denn Swanns Zärtlichkeit behielt unablässig ihren gleichen Charakter bei, den ihr schon zu Anfang die Unwissenheit darüber, wie Odette ihre Tage verbrachte, zusammen mit jener Trägheit des Denkens gegeben hatte, die ihn hinderte, dem Nichtwissen durch Phantasie etwas zu Hilfe zu kommen. Er war zunächst auf Odettes Leben in seiner Gesamtheit nicht eifersüchtig, sondern einzig auf die Momente, in denen — wie er vielleicht aufgrund eines falsch interpretierten Umstandes vermutete — Odette ihn betrügen könnte. Wie ein Polyp, der erst den einen, dann einen zweiten und dritten Fangarm ausstreckt, heftete sich seine Eifersucht zunächst an diese Fünfuhrstunde und dann allmählich auch an andere Zeiten. Doch Swann erfand sich seine Leiden nicht selbst. Sie waren nur die Erinnerung, die Fortsetzung eines Leidens, das ihm von außen her zugefügt war.
Dort wurde es ihm nun aber auch auf allen Seiten zuteil. Er wollte Odette von Forcheville lösen, ein paar Tage an die Riviera fahren. Aber er glaubte, daß alle Männer im Hotel ihr nachstellten und sie selbst ihre Gesellschaft suchte. So sah man ausgerechnet ihn, der auf Reisen stets die Bekannstscahft neuer Leute und gesellige Treffpunkte gesucht hatte, menschenscheu die Gesellschaft fliehen, als habe sie ihn tödlich verletzt. Wie hätte er auch nicht zum Misanthropen werden sollen, wo er doch in jedem Mann einen Eventualliebhaber von Odette sehen mußte? So kam es, daß Swanns Eifersucht — noch mehr als vordem seine beglückte, heitere Neigung für Odette — seinen Charakter verwandelte und von Grund auf auch für die Augen der anderen das äußere Bild seines Wesens veränderte. (...)
(aus: Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Erster Band: In Swanns Welt/Im Schatten junger Mädchenblüte; S. 372 ff.)
Ach ja. Nur ein klitzekleiner Ausschnitt aus Prousts Universum, ein weißer Zwergstern sozusagen. Aber doch recht aussagekräftig, was das unterminierende Wesen der Eifersucht angeht. Sie ist der Zweifel in Person. Und sie hat immer das letzte Wort ...
Und hier ist jetzt Schluß - mit der Geduld des Lesers ist ja wahrscheinlich schon länger Schluß ...;)
Falls nicht, zu Proust habe ich ein interessantes Blog gefunden: www.proust.twoday.net
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