Wahre Schönheit kommt von Innen
Wahre Schönheit kommt von Innen — das weiß eigentlich jeder. Bis auf sogenannte Top-Models vielleicht, die diese Weisheit irgendwie auf die Spitze treiben und sich einen Bandwurm „installieren“ lassen, der sie zumindest eine Weile schlank hält. Aber Top-Models sind ja auch nur Menschen und als solche stehen sie eben an zweiter Stelle der Betrugskette, die in den Marketingabteilungen der großen Mode- Kosmetik- und Nahrungsmittelkonzerne beginnt, die uns irgendwann einmal mit dem Virus des Schönheitswahns infiziert haben und uns glauben machen wollen, wir seien erst dann etwas wert, wenn unser Äußeres einem bestimmten Idealbild entspricht. Zuvorkommend wie sie nun mal sind, liefern sie uns dieses Idealbild gleich mit. Tagtäglich. Überall. Omnipräsent.
Neulich im Zug auf ein Exemplar des Kölner Express zurückgegriffen, das auf dem Nebentisch sein zerfleddertes Dasein fristete. Unter der obligatorischen Überschrift (irgendwas wie Bandwürmer fressen jetzt auch unsere Rente) in Schriftgröße 90 pt. eine ausgezogene junge Frau mit zwei äußerst guten — festhalten, Stammtischlyrik — mit zwei guten Argumenten. Daneben dann der Text zum Bild. Knapp, natürlich, in Schriftgröße 9 pt. Soll ja auch keiner lesen, eigentlich. Ich tats trotzdem. Lese doch so gerne.
Benjamin von Stuckrad-Barre hatte in seinen besseren (oder in unseren unbedarfteren) Zeiten, es muss in Soloalbum gewesen sein — das Buch, das alle um einen herum incl. man selbst in zwei Nächten verschlungen hatten, um im Anschluß die Mühle aus Neid auf diesen coolen Autor, Versuchen, sein Lebensgefühl zu kopieren und anschließendes Sich-Schämen, das bis heute anhält, zu durchlaufen — jedenfalls hatte er da was geschrieben über die Menschen, die da in den Redaktionen von Bild und Kölner Express sitzen und wie diese Sackgassen-Boulevard-Blättchen alle heißen. Wie sie sich diese Texte ausdenken, die immer neben dem täglichen Pin-Up-Girl stehen. Und wie sich die Texte immer gleichen.
Nicole, stand da in meinem Kölner Express, Anfang 20, Studentin natürlich und wohnhaft 50" 57` 55. 78" N 6" 07` 19. 61" E. Anders ausgedrückt, in Geilenkirchen. So herrlich stumpf, wie in diesen Texten das Studienfach selbst immer einen Kontrapunkt setzt zum lüsternen Rest Studentin — Anfang 20 — Geilenkirchen: BWL ist es meistens oder Jura oder altniedersächsische Dorfsoziologie und wenn Shakespeare, Saint-Simon und Balzac die größten Archive von Dokumenten sind, die wir über die menschliche Natur besitzen, dann sind es die Herren Redakteure in Bild und Kölner Express, die das größte Archiv an Klischees verwalten. Hinter Glas und in Vakuum wäre aber bestimmt nicht gesetzeskonform, fürchte ich, auch wenn die Idee an sich schön ist.
Jedenfalls wolle Nicole, so schreiben sie ihren Millionen Lesern, demnächst in den Urlaub fliegen und mitnehmen wolle sie aber eigentlich am liebsten gar nichts, bis auf das Höschen. Bevor sie losfliege, wolle sie noch ein paar — zwinker zwinker — Turnübungen machen, bei denen sie so richtig ins Schwitzen komme. Damit befände sie sich übrigens in bester Gesellschaft, denn, so der Autor, ein enorm hoher Prozentsatz der deutschen Bevölkerung tue ebenfalls momentan viel für, und dann kommt das verfluchte Wort, für die Bikini-Figur.
Mitleidvoll sitzen da also die Redakteure und denken an all die Menschen da draußen, die ihre Zeitungen lesen und die sich tagtäglich mit der Angst rumschlagen, keine Bikini-Figur zu haben. Und sich so anstrengen, eine zu bekommen. Eine Portion Hoffnung wird beigelegt, indem gesagt wird, ach, da sind sie in bester Gesellschaft. Dabei kommt ja der Stein des Anstoßes erst und überhaupt mal aus der gleichen Tastatur, indem nämlich in millionenfacher Auflage das Bild von Nicole mit ihren beiden Argumenten gedruckt wird und ungeschrieben steht immer daneben: So muss man aussehen, sonst gehört man nicht dazu. Das ist erstrebenswert. Alles andere nicht. Und diesem Bild eifern dann alle nach. Betrug meets Selbstbetrug.
Zugegeben, ich habe zwar nur ein einzelnes Argument, aber stichhaltig ist es doch irgendwie: Es ist doch Quatsch, wenn Nicole aus Geilenkirchen gerade alles dafür tut, ihre Bikini-Figur zu halten. Sie hat ja eh in den seltensten Fällen einen Bikini an.
Ich für meinen Teil werde gleich morgen in die Medizinische Hochschule fahren, einen Bandwurm der mittleren Preisklasse erstehen sowie im Supermarkt eine Palette Sojamilch-Drinks (ausdrücklich gedacht für die Bikini-Figur) und beide miteinander verkuppeln. Den Wurm züchte ich groß und nutze ihn fortan als Reisemittel. Im November, wenn die Bahn an die Börse geht, kaufe ich das Schienennetz auf und reise dann individueller als alle anderen auf meinem Wurm durch das Land. Und kein Stress mehr mit Verspätungen oder dem Kölner Express.
So mach ichs.
Schönen Donnerstag noch!
Neulich im Zug auf ein Exemplar des Kölner Express zurückgegriffen, das auf dem Nebentisch sein zerfleddertes Dasein fristete. Unter der obligatorischen Überschrift (irgendwas wie Bandwürmer fressen jetzt auch unsere Rente) in Schriftgröße 90 pt. eine ausgezogene junge Frau mit zwei äußerst guten — festhalten, Stammtischlyrik — mit zwei guten Argumenten. Daneben dann der Text zum Bild. Knapp, natürlich, in Schriftgröße 9 pt. Soll ja auch keiner lesen, eigentlich. Ich tats trotzdem. Lese doch so gerne.
Benjamin von Stuckrad-Barre hatte in seinen besseren (oder in unseren unbedarfteren) Zeiten, es muss in Soloalbum gewesen sein — das Buch, das alle um einen herum incl. man selbst in zwei Nächten verschlungen hatten, um im Anschluß die Mühle aus Neid auf diesen coolen Autor, Versuchen, sein Lebensgefühl zu kopieren und anschließendes Sich-Schämen, das bis heute anhält, zu durchlaufen — jedenfalls hatte er da was geschrieben über die Menschen, die da in den Redaktionen von Bild und Kölner Express sitzen und wie diese Sackgassen-Boulevard-Blättchen alle heißen. Wie sie sich diese Texte ausdenken, die immer neben dem täglichen Pin-Up-Girl stehen. Und wie sich die Texte immer gleichen.
Nicole, stand da in meinem Kölner Express, Anfang 20, Studentin natürlich und wohnhaft 50" 57` 55. 78" N 6" 07` 19. 61" E. Anders ausgedrückt, in Geilenkirchen. So herrlich stumpf, wie in diesen Texten das Studienfach selbst immer einen Kontrapunkt setzt zum lüsternen Rest Studentin — Anfang 20 — Geilenkirchen: BWL ist es meistens oder Jura oder altniedersächsische Dorfsoziologie und wenn Shakespeare, Saint-Simon und Balzac die größten Archive von Dokumenten sind, die wir über die menschliche Natur besitzen, dann sind es die Herren Redakteure in Bild und Kölner Express, die das größte Archiv an Klischees verwalten. Hinter Glas und in Vakuum wäre aber bestimmt nicht gesetzeskonform, fürchte ich, auch wenn die Idee an sich schön ist.
Jedenfalls wolle Nicole, so schreiben sie ihren Millionen Lesern, demnächst in den Urlaub fliegen und mitnehmen wolle sie aber eigentlich am liebsten gar nichts, bis auf das Höschen. Bevor sie losfliege, wolle sie noch ein paar — zwinker zwinker — Turnübungen machen, bei denen sie so richtig ins Schwitzen komme. Damit befände sie sich übrigens in bester Gesellschaft, denn, so der Autor, ein enorm hoher Prozentsatz der deutschen Bevölkerung tue ebenfalls momentan viel für, und dann kommt das verfluchte Wort, für die Bikini-Figur.
Mitleidvoll sitzen da also die Redakteure und denken an all die Menschen da draußen, die ihre Zeitungen lesen und die sich tagtäglich mit der Angst rumschlagen, keine Bikini-Figur zu haben. Und sich so anstrengen, eine zu bekommen. Eine Portion Hoffnung wird beigelegt, indem gesagt wird, ach, da sind sie in bester Gesellschaft. Dabei kommt ja der Stein des Anstoßes erst und überhaupt mal aus der gleichen Tastatur, indem nämlich in millionenfacher Auflage das Bild von Nicole mit ihren beiden Argumenten gedruckt wird und ungeschrieben steht immer daneben: So muss man aussehen, sonst gehört man nicht dazu. Das ist erstrebenswert. Alles andere nicht. Und diesem Bild eifern dann alle nach. Betrug meets Selbstbetrug.
Zugegeben, ich habe zwar nur ein einzelnes Argument, aber stichhaltig ist es doch irgendwie: Es ist doch Quatsch, wenn Nicole aus Geilenkirchen gerade alles dafür tut, ihre Bikini-Figur zu halten. Sie hat ja eh in den seltensten Fällen einen Bikini an.
Ich für meinen Teil werde gleich morgen in die Medizinische Hochschule fahren, einen Bandwurm der mittleren Preisklasse erstehen sowie im Supermarkt eine Palette Sojamilch-Drinks (ausdrücklich gedacht für die Bikini-Figur) und beide miteinander verkuppeln. Den Wurm züchte ich groß und nutze ihn fortan als Reisemittel. Im November, wenn die Bahn an die Börse geht, kaufe ich das Schienennetz auf und reise dann individueller als alle anderen auf meinem Wurm durch das Land. Und kein Stress mehr mit Verspätungen oder dem Kölner Express.
So mach ichs.
Schönen Donnerstag noch!
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